Sehnsuchtsort Neufundland
Bei unseren Recherchen, was wir in der Zeit, in der wir auf Emi in Nova Scotia warten, unternehmen sollen, bin ich über die “kleine” Insel Neufundland gestolpert. Klar, ich hatte zuvor auch schon davon gehört, aber realisiert, wo sich dieses Neufundland befindet und dass es überhaupt eine Option sein könnte, dorthin zu Reisen, das war mir nicht bewusst. Als ich also die ersten Bilder von vorbeitreibenden Eisbergen, Fischerbooten, farbigen Häuschen und rauen Küstenstreifen sah, wusste ich: Da will ich hin! Unbedingt!
Also habe ich angefangen zu planen. Mögliche Routen rausgesucht, Campgrounds, Sehenswürdigkeiten, Fährzeiten und Webseiten auf denen die aktuellsten Eisberg-Viewing-Spots zu sehen sind und dabei festgestellt, dass es darauf ankommt, wie kalt das Wasser ist. Ist es zu kalt, bleiben die Eisberge weiter nördlich im Packeis stecken und man sieht sie natürlich nicht vorbeitreiben. Also haben wir entschieden, zu warten, bis wir in Nova Scotia angekommen sind und dann so kurzfristig wie möglich zu entscheiden, ob und wann genau wir Neufundland besuchen würden.
Während wir bei Temperaturen im einstelligen Bereich warteten, wurde unsere Unsicherheit immer grösser. Sollten wir es wagen, die 6-stündige Fährüberfahrt auf uns zu nehmen, um dann bei Minusgraden auf Parkplätzen zu übernachten, weil alle Campgrounds noch geschlossen sind? Nur um dann keine Eisberge zu sehen? Auch die Wal- und Puffinsaison sollte erst gegen Ende Mai starten, wir waren also gut einen Monat zu früh dran. Weitere Recherchen ergaben, dass auch die Nationalparks, die Provincial Parks und überhaupt alle Ziele, die man als Reisender so anpeilt, noch bis Ende Mai geschlossen bleiben, auch Touren gab es noch keine zu buchen.
Trotzdem, es war mein Sehnsuchtsort geworden, es würde schon irgendwie klappen, vielleicht hatten wir ja Glück mit dem Wetter und einige Dinge würden früher aufmachen? Vielleicht 1 oder 2 kleinere Eisberge schon vorbeitreiben? So schnell würden wir nicht mehr hierherkommen, also war es entschieden. Wir wollten dahin!
Gros Morne Nationalpark
Wir beschlossen, auf Emi zu warten und dann direkt in Richtung Neufundland aufzubrechen. Ende April war es dann so weit und wir fuhren los. Zuerst an der Ostküste entlang nach Norden mit dem Ziel Gros Morne Nationalpark. Dort hatten wir einen Trail rausgesucht, den wir wandern wollten, den “Tableland Trail”, sowie eine Bootstour in den “Western Brook Pond”, einem Fjord, ebenfalls im Gros Morne Nationalpark. Leider stellte sich heraus, dass die Trails im Nationalpark alle gesperrt waren bis Mitte Juni, wer rechnet denn damit? (Spoiler: Etwas später auf unserer Reise erzählten uns Mitreisende, dass sich da jemand auf der Webseite vertan hätte, es wäre nur der eine Haupttrail gesperrt gewesen - na danke!). Auch die “Western Brook Pond” Bootstour konnten wir nicht machen, die war erst eine Woche später buchbar. Das ging ja schon gut los... Immerhin: Die Aussichten im Nationalpark waren auch von den zahlreichen, schön beschilderten Aussichtspunkten, atemberaubend!
Unser erster Eisberg!
Ein wenig ernüchtert, aber dennoch zuversichtlich verliessen wir also den Nationalpark und fuhren in Richtung Nordosten auf eine der vorgelagerten Halbinseln. Dort hatten wir eine der wenigen Übernachtungsmöglichkeiten gebucht, die wir finden konnten. Bei einem sogenannten Harvest Host, einer Bierbrauerei. Wir wurden herzlich empfangen und auch gleich von unseren Gastgebern auf einen Eisberg aufmerksam gemacht der ein wenig weiter nördlich im Meer trieb. Da mussten wir natürlich sofort hin und tatsächlich durften wir an diesem Nachmittag unseren ersten Eisberg, relativ weit draussen in der Bucht beobachten! Was für eine Freude! Mit neuer Motivation verbrachten wir einen gemütlichen Abend in der Brauerei bei gutem Bier und Live-Musik.
St. John’s & Avalon Halbinsel
Wir verbrachten ein paar ruhige Tage in den schönen Küstenregionen der Nördlichen Halbinseln und erreichten nach gut einer Woche auf Neufundland St. John’s. Eine hübsche kleine Hafenstadt mit schönen Aussichtspunkten und gemütlichen Bars mit Live-Musik. Nach ein paar gemütlichen Tagen mit Spaziergängen machten wir uns auf, die Küste der Halbinsel “Avalon” zu erkunden. Nach unseren Recherchen gab es dort Puffin-Kolonien und diese Gelegenheit wollten wir uns nicht entgehen lassen. Leider waren wir auch hier wohl zu früh dran, denn wir bekamen keinen einzigen Puffin zu Gesicht. Trotzdem war vor allem ich absolut überwältigt von der wunderschönen Landschaft auf dieser Halbinsel. Ein fast voller Erfolg also!
Da der Monat nun schon etwas weiter fortgeschritten war, schafften wir es, zurück in St. John’s, tatsächlich unsere erste Bootstour zu buchen. Eine Tour, bei der man, mit etwas Glück, Wale, Puffins und sogar Eisberge aus der Nähe sehen konnte! Leider war das Wetter am Tag unserer Tour nicht so toll, das Wasser rau und die Sicht eher mässig. Das Glück war auch nicht wirklich auf unserer Seite, wir “hüpften” rund zwei Stunden über immer stärker werdende Wellen, was den meisten Tourteilnehmern nicht so gut bekam und sahen ausser ein paar schwarzen Punkten, die übers Wasser flitzten (laut unserem Tourguide waren das Puffins! Juhu!), absolut nichts. Man kann nicht immer Glück haben, aber es war eine wirklich tolle, aufgestellte Crew!
Bonavista Halbinsel
Nach fast einer Woche in der Region St. John’s fuhren wir wieder in Richtung Norden zur Bonavista Halbinsel. Hier sollte die Chance am grössten sein, Puffins von Land aus zu sehen, aber auch hier hatten wir kein Glück. Auch diese Halbinsel beeindruckte jedoch, mit einer wahnsinnig schönen Landschaft, der Dungeons Provincial Park war ein absolutes Highlight auf unserer Neufundlandreise. Auch das Cape Bonavista und die Küstenregion am Kap waren die Fahrt wert!
Eisberg Nr. 2
Nun mussten wir die rund 900 km nach Port aux Basques, wo wir die Fähre zurück aufs Festland nehmen würden, wieder zurück. Da wir bereits auf der Hinfahrt die meisten “fixen” Ziele angefahren hatten und wir weiterhin in der Vorsaison unterwegs waren, also nach wie vor alles geschlossen war, beschlossen wir, uns auf die Eisberge zu konzentrieren. Wir prüften also Icebergfinder, eine community-basierte Webseite, auf der User Eisberge eintrage können, die sie gespottet haben und entdeckten einen wunderschönen “Berg”, etwa 4,5 Stunden Fahrt entfernt, nicht weit von unserer ohnehin geplanten Route. Auch vom Wetter her hätten wir uns keinen besseren Tag für eine so lange Fahrt aussuchen können, es regnete nur einmal an diesem Tag und wir waren froh, dass wir in unserem warmen und trockenen Führerhaus bleiben konnten.
Am Ziel angekommen, machte unser Herz einen Sprung, als wir über die letzte Kuppe fuhren und den wunderschönen Eisberg Nr. 2 sahen! Er lag einfach da, mitten in der Bucht und strahlte regelrecht türkis und weiss in der grau in grau Landschaft! Was für ein Anblick, was für ein Gefühl! Auf einem kleinen Parkplatz direkt vor dem Eisberg hielten wir an und bestaunten ihn aus der Nähe, machten Fotos und unterhielten uns mit den Einheimischen, ein voller Erfolg, diese Fahrt hatte sich gelohnt.
Buckelwale und zurück in den Süden
Für diesen Abend hatten wir uns ein Hotelzimmer gebucht, da auch hier, wieder keine offenen Campgrounds (und auch die Wildstehplätze gemäss der iOverlander-App eher dürftig vorhanden waren) zu finden waren, diesmal aber zu unserem Glück! Als wir uns im hoteleigenen Pub mit der Angestellten unterhielten und ihr von unserem Eisberg-Erlebnis erzählten, gab sie uns den Tipp, das nur 5 Minuten die Strasse hoch Buckelwale in der Bucht seien, da sollten wir unbedingt vorbeischauen. Also machten wir uns am nächsten Morgen nach dem Auschecken auf den Weg zur Bucht und noch bevor wir anhielten, sah ich die erste Nebelfontäne eines Wales! Wahnsinn, einfach hier, direkt in der Bucht! Auch hier verbrachten wir wieder einige Zeit mit den Einheimischen, beobachteten die Wale und genossen den sonnigen Morgen.
Auf Wiedersehen Neufundland, wir würden jederzeit wiederkommen!
Nach diesen beiden Erfolgen machten wir uns auf den Weg in den Süden, nach Port aux Basques, wo wir mit der Fähre zurück nach Nova Scotia fuhren, um von dort aus weiter nach Westen zu reisen.
Neufundland war nicht ganz einfach, es war kalt, hat häufig geregnet und vieles blieb uns verschlossen. Trotzdem war es für uns ein voller Erfolg und die richtige Entscheidung, hierher zu kommen! Die Landschaften, die Luft, die herzlichen Menschen, die Tiere und die einzigartigen Erlebnisse waren es wert, Neufundland zu besuchen und wir würden es wieder tun, jederzeit!
Für mich war, ist und bleibt Neufundland ein Sehnsuchtsort ...